Herzoperationen sind häufig mit extremen seelischen Belastungen verbunden. Selbst in Fällen mit relativ geringen Risiken wird eine Operation oft als lebendbedrohlich empfunden. Diesen Patienten bietet das Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW) seit Jahren mit Erfolg professionelle psychologische Hilfe an. Als eines der wenigen europäischen Herzzentren hat das HDZ eine eigene Abteilung für medizinische Psychologie eingerichtet und kontinuierlich ausgebaut. Das Team unter Leitung von Dr. Katharina Tigges-Limmer arbeitet nach wissenschaftlich fundierten (evidenz-basierten) Methoden der klinischen Psychologie. Es erfährt seit Jahren ein stark wachsendes Interesse. Jeder vierte Patient in der HDZ-Herzchirurgie wünscht sich mittlerweile eine Betreuung durch die Klinik-Psychologen.

Stressabbau & Bewältigung von Angst und Depressionen

Die Arbeit der Psychologen empfinden die Betroffenen als äußerst wirkungsvoll beim Stressabbau und der Bewältigung von Angst und Depressionen. Die seelische Stabilisierung der Patienten vor einem Eingriff entlastet das stark geschädigte Herz, stärkt die inneren Widerstandskräfte und hat zugleich, wie wissenschaftliche Studien belegen, einen positiven Einfluss auf den Operations- und Genesungsverlauf.

Das Team Medizinische Psychologie

Emotionaler Rückhalt

Die Abteilung für medizinische Psychologie ist der HDZ-Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie angegliedert. Klinikdirektor Prof. Dr. Jan Gummert hält die psychologische Begleitung der Patienten in der modernen Herztherapie für unverzichtbar. Verbunden ist für ihn damit eine deutliche Zunahme der Zufriedenheit der Patienten. „Deren psychologische Versorgung“, sagt Prof. Gummert, „ist zu einem festen Bestandteil der Arbeit in unserer Klinik geworden, die ich auf keinen Fall missen möchte.“

Die Klinik-Psychologinnen betreuen Herzpatienten, mit deren Extremsituation sie seit Jahren vertraut sind, entsprechend ihren individuellen Bedürfnissen. Sie ergeben sich aus der jeweiligen physischen und psychischen Verfassung und der Art des bevorstehenden Eingriffs. Bis 90 Patienten und deren Angehörige betreut das psychologische Team pro Woche. Bereits nach wenigen Gesprächen stellen sich in der Regel positive Effekte ein. Die Patienten fühlen sich entspannter, zugleich verringern sich die Symptome von Angst und Depressionen.

Entlastende Gespräche

Eine wesentliche Voraussetzung hierfür ist der emotionale Rückhalt im sozialen Umfeld (Angehörige, Freunde). Häufig reagieren die Angehörigen auf die Bedrohung eines Familienmitgliedes mit einer den Patienten zusätzlich belastenden Erstarrung. Auf Wunsch bieten die Psychologinnen den Angehörigen Gespräche an, um die Hilflosigkeit zu überwinden und eventuell im Fall von familiären Konflikten den Patienten vor zusätzlichen Belastungen zu bewahren.

Neben der gesprächs- und familientherapeutischen Unterstützung haben sich auch Methoden wie autogenes Training und Atemübungen bewährt, um körperliche und seelische Anspannungen zu lösen. Im Hinblick auf das allgemeine Belastungserleben zeigen sie eine zusätzlich befreiende Wirkung. Als äußerst wirkungsvoll haben sich Hypnose-Therapien erwiesen. Die Patienten lernen hierbei, sich in angenehme Erinnerungen zu versenken, extreme Risikophantasien zu verdrängen und sich zukunftsorientiert in die Zeit nach der Genesung hineinzudenken. Diese Entlastungsmethoden tragen erheblich dazu bei, die Stressphasen in der Klinik entspannter zu erleben.

Neue Lebensperspektiven

Als absolut notwendig und unverzichtbar gilt die psychologische Begleitung in der Transplantations-Medizin. Die überraschende Nachricht von der unausweichlichen Herztransplantation löst bei den Betroffenen und deren Angehörigen sehr häufig eine Schockreaktion aus. Viele dieser Betroffenen, unter ihnen auch Patienten, die vorübergehend an eine mechanische Kreislaufunterstützung (VAD-System) angeschlossen werden, benötigen eine engmaschige psychologische Betreuung, um in derartigen Grenzsituation und der anschließenden Wartezeit auf ein Spenderherz die Phasen von Ängsten und Depressionen leichter bewältigen zu können. Die Klinik-Psychologen sind, wie Beispiele zeigen, darin geschult, den Patienten durch die Fokussierung auf die zu erwartende neue Lebensqualität und den Gewinn an Lebenszeit neue Perspektiven zu vermitteln.

Psychologische Begleitung hält das HDZ bei Bedarf auch für Patienten mit neurologischen Komplikationen bereit, die nach Herzoperationen, Herzinfarkten und Schlaganfällen auftreten können. Für die Betreuung dieser Patienten beschäftigt das HDZ als erstes deutsches Herzzentrum mit Yvonne Brocks eine Neuropsychologin. Ihre unmittelbar nach der Diagnose einsetzende Therapiearbeit unterstützt wirkungsvoll die emotionale Stabilität dieser Patienten, fördert ihre Fähigkeit zur Selbständigkeit und die Entwicklung von neuer Normalität.

Weiterführende Informationen

Medizinische Psychologie