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Amir und sein rätselhaftes Herz

Oberarzt Dr. Majed Kanaan (l.) und Prof. Dr. Deniz Kececioglu (r.) kommen einer äußerst seltenen Herzfehlbildung auf die Spur - und können dem 15-jährigen Amir (Mitte) helfen.

Über die Geschichte seiner Flucht aus Afghanistan möchte der 15-jährige Amir gar nicht reden. Bei Fragen nach seiner Familie schüttelt er nur traurig den Kopf. Als Oberarzt Dr. Majed Kanaan ihn vor einem halben Jahr im Kinderherzzentrum am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, kennenlernt, klagt Amir über Herzweh und Atemnot. Amir spricht sehr gut deutsch, seit drei Jahren schon lebt er in einer Betreuungseinrichtung in Bielefeld.

„Die rechte Herzkammer war vergrößert. Wir haben zunächst vermutet, es handle sich um eine Fehlbildung der Lungenvene“, erläutert Kanaan. Bei diesem typischen angeborenen Herzfehler ist der Blutabfluss aus der Lunge in die linke Herzkammer blockiert. Im Echokardiogramm zeigte sich dann aber eine Überraschung. Denn die Öffnung zur Herzkammer war durchaus vorhanden – nur das Blut floss nicht hindurch. Wie konnte das sein?

„Wir sehen in unserer Klinik häufig Kinder und Jugendliche aus dem Ausland, deren Herzfehler in Deutschland aufgrund der besseren medizinischen Versorgung viel früher diagnostiziert und behandelt worden wären“, sagt Prof. Dr. Deniz Kececioglu, Direktor der Klinik für Kinderkardiologie und angeborene Herzfehler. Amirs Herzproblem sei wohl bis zu diesem Jahr unentdeckt geblieben, bereite jedoch jetzt gesundheitliche Schwierigkeiten, weil sein Herz im Verlauf des Wachstums stetig mehr leisten müsse.

Modernste dreidimensionale Herzultraschalldiagnostik und schonende Verfahren mittels Magnetresonanztomographie ermöglichen heute sehr präzise Aussagen über das Herz, die Herzfunktion und die umgebenden Gefäße. Diese Technik sollte nun die Frage klären: Wenn Amirs Blut nicht in die linke Herzkammer floss, wohin floss es dann? Die Bad Oeynhausener Kinderkardiologen stellten fest, dass Amirs Lungenvene zwar richtig angelegt war und von der Lunge in die Herzkammer führte – es jedoch eine zweite, wesentlich größere Mündung gab, die folglich auch vom Blut genutzt wurde. Sie führte in die Leber.

Das war eigentlich eine gute Nachricht für Amir. Denn bei einer klassischen Lungenvenenfehlmündung wäre voraussichtlich eine Herzoperation notwendig gewesen, um den Zugang in die Herzkammer zu ermöglichen. Das bleibt dem Jungen aus Afghanistan erspart. In diesem Fall muss Dr. Kanaan lediglich dafür sorgen, dass das Blut in die richtige Richtung fliesst. Das Vorgehen beschreibt der Leiter des Kinderherzkatheterlabors am HDZ NRW so: „Wir haben einfach die Tür zur Leber geschlossen.“ Mit seinem erfahrenen Team im Kinderherzkatheterlabor wird über den Katheter von der Leiste ein kleines Schirmchen vorgeschoben, dass sich vor der größeren Öffnung entfaltet und den Durchfluss in die Lebervene schließt.

Unmittelbar nach dem Eingriff im HDZ steht fest: Amirs Blutkreislauf ist wieder normal. Amir liebt Sport. Er freut sich zu hören, dass er sein Fitnesstraining bald wiederaufnehmen kann, ein weiterer Klinikbesuch nicht notwendig ist und er keine Medikamente benötigt. Das ist eine gute Nachricht für Amir, eine Herzensgeschichte zum Weitererzählen.
 

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Rätsel gelöst: Dankbar verabschiedet sich Amir (15) am Entlassungstag von Prof. Dr. Deniz Kececioglu (r.) und Dr. Majed Kanaan (Foto: Armin Kühn).