Im Alter von 30 Jahren erleidet Sabine Krischer einen Herzstillstand. Sie wird reanimiert, fällt tagelang ins Koma, auch 17 Jahre danach machen ihr Gedächtnisstörungen noch zu schaffen. Im Mai 2013 wird ihr im HDZ NRW ein Herzunterstützungssystem implantiert, gleichzeitig unterzieht sie sich einer neuropsychologischen Therapie. Seither hat sich ihr Erinnerungsvermögen deutlich verbessert.

Alle Farbe ist aus ihrem Gesicht gewichen, die Haut ist milchig weiß, die Wangenknochen treten wie Höcker hervor, die Augen liegen tief in den Höhlen. Die 30-jährige Sabine Krischer liegt nach einem Herzstillstand auf der Intensivstation einer niedersächsischen Klinik im Koma. Die bange Frage ihrer Eltern: Ist das Gehirn geschädigt? Als sie nach einer Woche die Augen aufschlägt, schreibt ihre Mutter hocherfreut ins Tagebuch: „Sie hat mich erkannt. Bin ich froh.“

Eine kleine Hoffnung nur, mehr auch nicht. Sabine Krischer hat schwere Gedächtnisstörungen. Einige ihrer Besucher am Krankenbett erkennt sie nicht, von ihrem ehemaligen Lebensgefährten, Vater des gemeinsamen Sohnes Julian, fällt ihr der Vorname nicht ein. „Mein Gedächtnis war nahezu ausgelöscht“, sagt sie heute, rund 17 Jahre später. „Lange Zeit sind meine Gedanken wie durch einen Hirnnebel geirrt.“ Viel hat sich seither gelichtet, ihre Erinnerung ist weitgehend zurückgekehrt, nur im Kurzzeitgedächtnis tun sich noch Lücken auf. Aber auch hier stellen sich Verbesserungen ein, wenn auch nur langsam. Unverändert ist hingegen ihre Angst vor einem plötzlichen Herztod. Eine begründete Angst.


Rettung durch ein VAD-System

In den Jahren nach dem Koma macht ihr das Herz mit diversen Attacken immer wieder zu schaffen. Es ist schließlich so stark geschädigt, dass sie Ende April 2013 ins Herz- und Diabeteszentrum (HDZ NRW) nach Bad Oeynhausen eingewiesen wird. Zunächst versuchen die Ärzte, die schwache Pumpleistung  von nur noch 20 Prozent und die ebenfalls auftretenden Rhythmusstörungen mit Medikamenten zu therapieren. Doch der gewünschte Erfolg bleibt aus, nunmehr kann ihr nur noch mit einem Spenderherz oder einer mechanischen Herzunterstützung geholfen werden.

Weil ein geeignetes Spenderherz nicht zur Verfügung steht, wird ihr Ende Mai ein VAD-System (Ventricular Assist Device = Herzunterstützungssystem) vom Typ HeartWare implantiert. Die direkt ans Herz angeschlossene VAD-Pumpe ist über Drähte durch die Bauchdecke mit einem von Batterien angetriebenen Steuergerät verbunden, das in einer kleinen tragbaren Tasche untergebracht ist. Die Wirkung ist verblüffend. Unmittelbar nach der Implantation bemerkt sie, dass ihr Körper neue Kräfte aufbaut. Während des wochenlangen Klinikaufenthalts lernt Sabine Krischer, wie die Erinnerungen für sie leichter abrufbar werden.

Und das verdankt sie der professionellen Hilfe von Yvonne Brocks, der einzigen in einem deutschen Herzzentrum beschäftigten Neuropsychologin. Yvonne Brocks hilft Patienten, deren Gedächtnisleistung nach einem Schlaganfall, einem Herzstillstand oder als Folge einer Demenzerkrankung mehr oder minder stark beeinträchtigt ist. Ihre therapeutische Arbeit hat die kognitiven Fähigkeiten vieler dieser Patienten deutlich verbessern können.

Die größten Therapie-Erfolge werden erzielt, wenn das Training unmittelbar nach dem den Gedächtnisverlust verursachten Ereignis einsetzt.

Das Gedächtnistraining

Die Therapiemethoden der Yvonne Brocks basieren auf den jeweils neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Neuropsychologie. Die Psychologin legt Wert auf die Aussage, dass die Erfolge der Therapie das Ergebnis einer Teamarbeit sind. Die Ärzte der von Dr. Michiel Morshuis geleiteten VAD-Station und die VAD-Koordinatoren hätten daran ebenso ihren Anteil. Abzulesen sind die Erfolge an den unerwarteten Fortschritten in der Alltagsbewältigung dieser Patienten, verbunden mit einem für die Angehörigen erleichterten Umgang mit ihnen. Für viele dieser Patienten ist selbst in nicht erwarteten Fällen nach der Therapie ein Leben im häuslichen oder beruflichen Umfeld möglich geworden.

Sabine Krischer erfährt sehr bald, dass mit Hilfe der Neuropsychologin ihre Merkfähigkeit zunimmt. Die HDZ-Psychologin hat eigens für sie eine Strategie entwickelt, die ihr Erinnerungsvermögen langsam, aber stetig erweitert. Bei allen ihren Patienten analysiert Yvonne Brocks zunächst, welche Teile des Gedächtnisses gestört sind und welche es zu fördern gilt. Diese Diagnose erfordert eine enge Zusammenarbeit mit den Betroffenen und ihrem Familien- und Freundeskreis. Sie verschafft sich so Kenntnisse über die Persönlichkeit des Patienten, seine Gewohnheiten, seine aktuellen Wahrnehmungen und seine motorischen Fähigkeiten. Darauf baut sie die für ihn geeignete Therapie auf.

Viele Formen des Erinnerungsvermögens können geschädigt sein, darunter das biografische und das semantische Altgedächtnis, das Arbeitsgedächtnis sowie das verbale und räumliche Neugedächtnis. Die neuropsychologische Therapie umfasst viele kognitive Bereiche wie die Fähigkeit zur Planung, die Lösung von Problemen, das räumliche Verstehen, die Förderung der Aufmerksamkeit, sie schließt auch die Behandlung psychischer Folgen ein. Wie bei den meisten dieser Patienten ist bei Sabine Krischer das Kurzzeitgedächtnis betroffen. Allerdings verfügt sie, wie Yvonne Brocks feststellt, über ein recht gut entwickeltes Wiedererkennen. Eine Fähigkeit, die nunmehr strukturell gefördert wird.


Noch die Ausnahme

Die HDZ-Psychologin animiert ihre Patientin, ein Gedächtnistagebuch zu führen, in dem sie die täglichen Abläufe notiert, die damit jederzeit für sie abrufbar sind. In den ersten Tagen muss Sabine Krischer häufig nachschlagen, doch das nimmt mit dem Umfang ihrer Notizen ab. Zu schaffen machen ihr vor allem Zahlen und Daten. Zwar kann sie sich an ihre diversen Herzattacken erinnern und auch daran, in welcher Umgebung und unter welchen Umständen sie aufgetreten sind. An den Tag oder den Monat aber nicht mehr.

Yvonne Brocks bedauert, dass bei den meisten betroffenen Patienten die neuropsychologische Betreuung viel zu spät beginnt und häufig sogar ganz unterbleibt. Die größten Therapie-Erfolge werden erzielt, wenn das Training unmittelbar nach dem den Gedächtnisverlust verursachten Ereignis einsetzt. Dennoch ist die neuropsychologische Betreuung eher die Ausnahme. Das musste auch Sabine Krischer erfahren, die viele medizinische Stationen durchlaufen hat. Aber erst im HDZ NRW wurde sie einem intensiven Gedächtnistraining unterzogen, das trotz der enormen Zeitverzögerung deutliche Verbesserungen bewirkte.


Der Herzstillstand

Sabine Krischer lebt nunmehr seit zwei Jahrzehnten mit der Angst, die nächste Herzattacke nicht zu überleben. Einige Male schon musste sie reanimiert werden. Bereits im Alter von 27 Jahren erleidet sie während einer Feier bei Freunden in einem Dorf am Bodensee einen Herzinfarkt. In einer kleinen Klinik im Nachbarort legt man ihr eine Halskrause an, wegen ihrer Schmerzen im Nacken und im linken Arm wird der Bruch eines Nackenwirbels vermutet. Auf ihr Drängen hin bringt man sie in eine größere Klinik, wo sie auf der kardiologischen Station mit Erfolg behandelt wird.

Drei Jahre später, im Oktober 1997, dann das Drama, das sie ins Koma stürzt und ihr Gedächtnis weitgehend auslöscht. Ein Drama auch, das ihr für lange Zeit die eigene Identität nimmt und sie ihrer Persönlichkeit beraubt. Die Herzattacke trifft Sabine Krischer in der Praxis eines Homöopathen. Nach einer Akupunkt-Behandlung, bei der bestimmte Körperstellen (Meridiane) mit Metallstäbchen massiert werden, soll sie auf der Liege noch eine Weile entspannen. Als der Homöopath Minuten später zufällig ins Zimmer blickt, hängen ihre Arme schlaff von der Liege. Ihre Körperhaltung, die starren Augen – Anzeichen für einen Herzstillstand. Er beginnt sofort mit der Herzdruckmassage, bald atmet sie wieder. Bewusstlos wird sie in ein nahes Krankenhaus eingeliefert und von dort in die niedersächsische Herzklinik verlegt, in der sie die ersten Tage im Koma verbringt.

Nach der Entlassung nehmen ihre Eltern sie und ihren Sohn auf. Julian ist zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt. Sie habe nun zwei kleine Kinder, sagt damals Mutter Krischer. Ihre Tochter Sabine ist anfangs völlig hilflos. „Ich musste wieder lernen“, sagt sie heute, „wozu man überhaupt eine Zahnbürste braucht.“ Die Eltern und ihre Geschwister nehmen sich viel Zeit für die Gedächtnisarbeit mit ihr. An eine Rückkehr in ihren Beruf als Physiotherapeutin ist nicht mehr zu denken.

Während einer Reha lernt sie in einer Gruppe, sich langsam wieder in Alltagssituationen einzufinden. Ihre zunehmende Herzschwäche wird medikamentös behandelt. Einige Male auch springt in den folgenden Jahren ihr Defibrillator an, der bei Unregelmäßigkeiten im Herzschlag mit einem Stromschlag den normalen Herzrhythmus wieder herstellt.


Eine weitere Attacke

Ein Sonntag im April 2011: Die Augen verdreht, der Körper krampfartig gekrümmt, liegt Sabine Krischer im Wohnzimmer auf dem Boden, als der damals 15-jährige Julian sie findet. Er hastet sofort zum Haus nebenan. Der Nachbar, ein Gynäkologe, und seine Frau, eine Krankenschwester, injizieren ihr ein den Kreislauf stabilisierendes Mittel und beginnen mit der Herzdruckmassage. Ein fast gleichzeitig eintreffender Notarzt setzt einen Defibillator ein. Gemeinsam gelingt es, sie zu reanimieren. „Sabine, das war fünf Minuten vor Zwölf“, sagt ihr später die Nachbarin.                 

Nach diesem Vorfall diagnostizieren die Kardiologen in der Uni-Klinik einer nahen Großstadt eine ventrikuläre Tachykardie – eine lebensbedrohliche Herzrhythmus-Störung. Die Ärzte therapieren sie mit Medikamenten (Antiarrhythmika), danach schickt sie ihr Hausarzt zur regelmäßigen Kontrolle ins HDZ. Den Ärzten im Herzzentrum ist es zu diesem Zeitpunkt noch möglich, ihre chronische Herzschwäche medikamentös zu behandeln. Doch Anfang 2013 fühlt sie sich schon so schwach, dass sie nach dem Einkauf unterwegs ihre Tasche stehen lassen muss und ihren Sohn schickt, sie zu holen. „Ich hatte sogar große Mühe, die Treppe zu meiner Wohnung zu erklimmen“, sagt sie. Der Hausarzt weist sie ins HDZ ein. Es ist der Zeitpunkt, zu dem ihr das VAD-Systems implantiert wird - ein Eingriff, der Sabine Krischer das Überleben sichert. „Danach ging es mit mir deutlich aufwärts“, stellt sie heute fest.

Sabine Krischer führt inzwischen ein normales Leben. Dank der mechanischen Herzunterstützung und der neuropsychologischen Therapie. Die Lücken in ihrem Gedächtnis haben sich deutlich verringert. Wenn sie sich gedanklich durch ihre Krankheitsgeschichte blättert, hat sie die Geschehnisse detailgenau gespeichert, die zeitlichen Abläufe bringt sie allerdings schon mal durcheinander.

Das „Brocks-Buch“ nennt Sabine Krischer das ihr von der HDZ-Psychologin empfohlene Tagebuch, in das sie Alltägliches hineinschreibt – Gedanken, Begegnungen, Einkäufe, Besuche. Es hat sich als eine verlässliche Gedächtnisstütze erwiesen. Mittlerweile hat sie die vierte Kladde begonnen. „Ohne die therapeutische Unterstützung“, sagt sie, „wäre ich heute längst nicht so weit.“

Seit 13 Jahren wohnt Sabine Krischer mit ihrem Sohn in einer Wohnung mit Blick auf Hügel, Wald und Teile der kleinen Stadt. Demnächst wird sie hier allein leben. Der 18-jährige Julian macht bald sein Abitur, dann wird er ausziehen und studieren. Beides wird er problemlos meistern. Denn Julian ist sehr beflissen. Er hat häufig allein zurechtkommen müssen. Das hat ihn früh erwachsen und zielstrebig werden lassen. In den um seine Mutter verzitterten Jahren hat er zudem gelernt, Verantwortung zu übernehmen. „ Um Julian muss ich mir keine Sorgen machen“, sagt Sabine Krischer, sie ist mächtig stolz auf ihn.