Ingo Riedel ist ein erfolgreicher Unternehmer. Eine sich stetig verschlimmernde Herzschwäche zwingt ihn zum Verkauf der Firma. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich dramatisch. Ans Bett gefesselt, wartet der 49-Jährige im HDZ NRW auf ein Spenderherz. Riedel lässt sich nichtunterkriegen, er plant bereits die Zeit nach der Transplantation. Dann will er eine neue Firma gründen.

Uwe Schulz, Leiter der HTx-Station und Ingo Riedel

Das Foto - eine einzige Schwelgerei in Azurfarben. Es zeigt Himmel und Meer, die am Horizont in einer hell-bläulichen Lichtemulsion verschmelzen. Und im Vordergrund einen Holzsteg, der weit ins Wasser hineinragt. Das Bild setzt Sehnsüchte frei, vor allem die von Ingo Riedel. Er und seine Frau Friederike lieben das Meer. Wann immer möglich, reisen sie an die Ostsee und auf die Insel Usedom.

Im Sommer 2013 mussten sie auf die geplante Reise verzichten. Ingo Riedel wurde krank, lebensbedrohlich krank. Seit einigen Wochen wirft der 49-Jährige mehrmals am Tag einen Blick auf das Bild. Es ist ihm ein Trost, aber nur ein kleiner. Das Foto klebt an der Wand eines Zimmers im vierten Stockwerk des Herz- und Diabeteszentrums NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen. Dort liegt er seit dem 3. Juli auf der Transplantationsstation, kurz HTx-Station (HTx = heart exchange). Im HDZ steht das x auch für das unbestimmte Datum, zu dem ein Spenderherz eintrifft.

Riedels Herz hält momentan nur durch, weil es von einem maschinellen Pumpsystem unterstützt wird. Das Gerät ist überlange Schläuche direkt mit der Hauptschlagader verbunden und unterstützt mit Hilfe eines kleinen Ballons die Durchblutung des Herzmuskels und optimiert den Sauerstoffverbrauch. Das Gerät pumpt Tag und Nacht. An das gleichmäßige leichte Summen hat sich der Patient gewöhnt. "Das höre ich schon nicht mehr", sagt er.


Notverkauf der Erfolgsfirma

Ingo Riedel ist Optimist. "Im nächsten Sommer bin ich wieder auf  Usedom", sagt er. Daran glaubt er fest, es ist für ihn eine Gewissheit, Zweifel lässt er nicht aufkommen. Larmoyanz liegt ihm nicht, auch nicht die von Besuchern, die ihn mit Mitleid überschütten: "Das kann ich nicht ertragen, das ist mir ein Gräuel." Riedel hat einen eisernen Willen, der jeden Anflug von Verzagtheit verdrängt. Er wird ihm helfen, die Wartezeit und das lange Liegen ohne seelische Einbrüche zu überstehen. Stoisch erträgt er die augenblickliche Situation. Sie geht vorüber, und dann kommen für ihn bessere Tage. Gedanklich lebt er bereits in ihnen, in der Zeit danach, wenn er alles überstanden hat und das Spenderherz ihm neue Tatkraft schenkt.

Einem starken inneren Antrieb verdankt der gebürtige Rheinländerseinen beruflichen Aufstieg. Jahrelang reiste er kreuz und quer durch Deutschland und beschäftigte zeitweilig rund 50 eigene Mitarbeiter und weitere 70 von Subunternehmen. Riedel war Inhaber einer Firma für Ladenbau mit Aufträgen so großer Unternehmen wie Beiersdorf, L´Oreal, Kraft-Suchard-Jacobs. In 2006 dann die ersten Warnzeichen, sein Herz schwächelt. "Ich hielt den Stress nicht mehr aus", sagt er, "ich musste meine Firma verkaufen." Im Jahr darauf dann eine dramatische Verschlechterung. Anfang Dezember 2007 befällt ihn eine schwere Atemnot, seine Beine schwellen an, hinzukommt ein quälender Husten. Ein Notarzt verfügt seine sofortige Einweisung in ein Krankenhaus in Nienburg an der Weser, dem Wohnsitz der Riedels. Medikamente helfen ihm langsam wieder auf die Beine. Nach Wochen wieder daheim, wartet er auf den Beginn einer Reha in der Gollwitzer-Meier-Klinik in Bad Oeynhausen. In den Tagen des Wartens häufen sich die Symptome einer akuten Herzschwäche. Erneut schwellen die Füße an, dann stellt sich Atemnot ein. Wenige Schritte nur und er bekommt keine Luft mehr. In der Reha-Klinik kommt er sofort auf die Intensivstation und wird Tage später ins Herz- und Diabeteszentrum verlegt.


Ein neuer Anlauf

Die HDZ-Kardiologen diagnostizieren eine pulmonale Hypertonie (Lungenhochdruck) und eine Insuffizienz des rechten Herzens. Durch Gefäßverengungen in der rechten Herzkammer ist der Blutfluss reduziert, die Lunge nimmt immer weniger Sauerstoff auf. Die Kardiologen entziehen seinem Körper zwischen acht und zehn Liter Flüssigkeit, die sich durch die Herzschwäche im Körpergewebe angesammelt hat. Den Lungendruck verbessern sie mit Medikamenten, sie verringern die Gefäßwiderstände und erleichtern die Sauerstoffaufnahme.

Riedel, ein Hüne von Mann, fühlte sich zeitweilig wie ein hinfälliger Greis, nun aber geht es wieder aufwärts. Die HDZ-Kardiologen schicken ihn daher in die Gollwitzer-Meier-Klinik zur Fortsetzung der Reha. Die Ärzte dort bestätigen ihm seine gefühlte Besserung per Ultraschall. Sie ermitteln den Wert der sogenannten Ejektionsfraktion (EF), eine Bestimmung der Blutmenge, die von der linken Herzkammer im Verhältnis zur Gesamtmenge des Blutes in den Körper gepumpt wird. Bei gesunden Menschen wird ein EF-Wert von 60 bis 80 Prozent gemessen. Riedels Wert liegt genau bei 50 Prozent. Ein fast normales Ergebnis. Die Ärzte schreiben ihn dennoch für das gesamte Jahr 2008 krank. Eine körperliche Anstrengung könnte erneut einen Rückfall auslösen. Der Tatmensch Riedel muss die meiste Zeit zu Hause verbringen, das ist hart. Er beschäftigt sich mit Haus- und Gartenarbeit. Das aber reicht ihm nicht. Sein Tatendrang ist nicht mehr zu zügeln. „Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt“, sagt er, „dann muss man aktiv werden.“


Die Hochdringlichkeitsliste

Keine Zweifel, Riedel braucht dringend ein neues Herz. Ende Juli 2013 befasst sich die Transplantationskonferenz der Klinik mit seinem Zustand und der Frage, ob er für die Hochdringlichkeitsliste (HU = High Urgency) empfohlen werden soll. Dem Gremium unter Vorsitz von Prof. Cornelius Knabbe, Leiter des Instituts für Laboratoriums- und Transfusionsmedizin am HDZ NRW, gehören rund 20 Mitarbeiter an. Darunter auch Oberarzt Uwe Schulz, Leiter der HTx-Station, zwei weitere HTx-Ärzte sowie Chirurgen und Pflegekräfte. „Im Fall Riedel“, sagt Uwe Schulz, „war sich die Runde schnell einig. Er wurde ohne Bedenken sofort für die HU-Listung empfohlen.“

Danach werden sämtliche Daten Riedels an die im holländischen Leiden ansässige Stiftung Eurotransplant geschickt. Die Organisation wacht über die Verteilung von Spenderorganen. Dort werden die medizinischen Daten der Patienten von jeweils drei neutralen Gutachtern aus verschiedenen Ländern geprüft. Sie erfahren nicht, um welchen Patienten es sich handelt und auch nicht, in welchem Land er wohnt und in welcher Klinik er liegt. Die Gutachter bestätigen die Dringlichkeit, Riedels Daten werden danach in einen Zentralcomputer eingespeist. Sobald ein Spenderherz gefunden ist, sucht der Computer dazu den geeigneten Empfänger – eine komplizierte Aktion. Herz ist nicht gleich Herz. Es kommt auf viele Details an. Alter und Blutgruppe von Spender und Empfänger müssen kompatibel sein, auch die Herzgröße muss passen. Riedel mit seinen 1,89 Metern benötigt ein leistungsfähiges Herz. Sein Körper enthält rund anderthalb bis zwei Liter mehr Blut als der eines kleinen Spenders. Er braucht somit ein Organ mit hoher Pumpleistung.


Der Rückfall

Riedel heuert Anfang 2009 bei einer Firma als Fahrer an, er liefert mit einem Transporter Pakete aus. Endlich wieder aktiv. Anderthalb Jahre kurvt er durch Nienburg und Umgebung, dann holt ihn der Filialleiter des örtlichen Paketzustellers vom Steuer weg und arbeitet ihn in die Leitung des Betriebes ein. Der Chef möchte sich endlich aufs Altenteil zurückziehen. Riedel mit seinen Fähigkeiten ist ihm ein geeigneter Kandidat für seine Nachfolge. Mitte März 2012 ein Rückfall, das Atmen fällt schwer, er friert trotz eingeschalteter Heizung und warmer Kleidung. Die Kardiologen im Herz- und Diabeteszentrum ermitteln einen EF-Wert von nur noch 28 Prozent. An Arbeit ist nicht mehr zu denken. Selbst die Hausarbeit ermüdet. Seine Hinfälligkeit erzwingt Schonung. Ab 2013 wird sein Zustand kritisch. Sein EF-Wert sinkt auf unter 20 Prozent. Während einer Kontrolluntersuchung im HDZ NRW Anfang Juli treten verstärkt Herzrhythmusstörungen auf, und immer wieder plagen ihn Atemnöte. Riedel kommt auf die HTx-Station.


Geduld, Geduld

Das Warten auf ein Spenderherz zerrt an den Nerven. Auch an denen von Friederike Riedel. Eine Spannung hat sich in ihr aufgebaut, die sie selbst nachts nicht los wird. „Seit vielen Wochen schon“, sagt seine Frau, „gehe ich mit dem Telefon ins Bett.“ Dem Patienten selbst ist dagegen keine Unruhe anzumerken. Ärzte und Pflegekräfte auf der Station staunen immer wieder über seine Gelassenheit. „Mir geht es gut“, juxt er, „ich habe doch Vollverpflegung hier.“ Langeweile? Keine Spur. Riedel ist ständig beschäftigt – hört Krimis, wühlt sich durch die Zeitung, schmiedet Zukunftspläne. Auf jeden Fall will er sich, sobald er ein Spenderherz hat, wieder eine Beschäftigung suchen. Genügend Zeit, Pläne zu schmieden, hat er ja. Sein bevorzugtes Projekt – der Aufbau eines Internethandels. Diesem Vorhaben kann er sich mittlerweile auch praktisch widmen.
Schneller als von ihm erwartet, trifft in der Nacht zum 31. Oktober ein Spenderherz ein. Nach stundenlangen medizinischen Vorbereitungen wird er morgens gegen sieben Uhr in den OP geschoben. Von der Operation erholt er sich schnell. Mitte November wird Riedel nach Hause entlassen.