Die 92-jährige Lieselotte Rödel ist nach wenigen Minuten außer Atem, häufig erfasst sie ein Schwindel. Ihre Aortenklappe ist stark verkalkt, sie braucht eine neue. Nur gut eine Stunde dauert der Eingriff. Nun ist sie wieder fit für ihre Hobbys. Sie spielt Orgel, gibt sogar Konzerte und übt täglich auf einer ihrer drei Gitarren. Gelegentlich bekommt sie einen Anruf von der kleinen Elisa aus Bangladesch. Das hellt für Wochen ihre Stimmung auf.

Als die Frau im weißen Kittel an ihr Krankenbett tritt, denkt Lieselotte Rödel, das Gesicht kennst du doch. Die Frau sagt: „Frau Rödel, ich bin Ihre Ärztin.“ Dr. Smita Jategaonkar, Oberärztin der Kardiologie im Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, erklärt ihrer Patientin die Einzelheiten des geplanten Eingriffs. Die Aortenklappe der 92-Jährigen ist stark verkalkt und soll nach einer Reihe von Voruntersuchungen ausgetauscht werden.

Seit dem 11. Oktober 2013 liegt die Patientin aus Bad Lippspringe auf der Station K 2 des HDZ NRW. Ein erster Blickkontakt genügt, um ihr Vertrauen in die Ärztin zu wecken. Allein schon wegen ihrer große Ähnlichkeit mit der heute fünfjährigen Elisa. Sie ist die Tochter der mit Lieselotte Rödel befreundeten Familie Kabiraj aus Bangladesch. Sie betrieb an Frau Rödels Wohnort eine Boutique. Immer, wenn im Laden bedient oder Kleidung zur Kundschaft gebracht wurde, kümmerte sich „Oma Lilo“ um Elisa. Für das kleine Mädchen mit den dunkelbraunen, fast schwarzen Augen und dem glänzenden tiefschwarzen Haar wurde ihre „Oma“ neben den Eltern zur wichtigsten Bezugsperson.

„Wir waren eine tolle Familie“, sagt Frau Rödel wehmütig. Eines Tages bat die schwangere Frau Lipi Kabiraj sie, einen Namen für ihr erstes Kind auszusuchen. Ein Mädchen sollte es werden. Lieselotte Rödel zögerte nicht lange. „Elisa“, sagte sie damals, „der Name hat mir immer so gefallen.“ Anfangs lief das Geschäft gut, die Kabirajs gewannen viele Stammkunden. Dann machten weitere Boutiquen auf, nach und nach brachen die Einnahmen weg. Vor gut zwei Jahren ging die Familie Kabiraj nach Bangladesch zurück. Das schmerzt noch immer.


Das transfemorale Verfahren

Der Anblick der Ärztin: „Ich dachte sofort“, sagt Lieselotte Rödel, „da kommt meine Elisa. So wird sie als Erwachsene aussehen.“ Smita Jategaonkar ist eine gebürtige Inderin. Sie war sieben Jahre alt, als ihre Eltern nach Deutschland auswanderten. Ihr Vater, ein Raumfahrtingenieur, war vom Deutschen Zentrum für Luftund Raumfahrt in Braunschweig angeworben worden. Für Tochter Smita stand schon in den Anfangsjahren auf dem Gymnasium fest, dass sie Medizin studieren würde. Die Fachärztin für Kardiologie ist spezialisiert auf die sogenannte Transkatheter- Aortenklappenimplantation (TAVI).
Lieselotte Rödel muss im Herbst 2013 dringend operiert werden. Nach wenigen Metern schon ringt sie nach Luft, und das Herz schlägt so heftig, als würde es jeden Moment zerspringen. Häufig befällt sie ein starker Schwindel. Seit dem Bruch eines Lendenwirbels Ende der 1990er-Jahre benutzt sie einen Rollator. Auf ihn setzt sie sich, wenn sie ein Schwächeanfall erfasst, dann ruht sie sich eine Weile aus. Eines Tages geht nichts mehr, sie alarmiert den Malteser-Hilfsdienst, der bringt sie in eine Klinik nach Detmold. Die Ärzte diagnostizieren eine hochgradige Aortenklappen-Stenose. Sie wird sofort ins Herz- und Diabeteszentrum NRW verlegt.

Die HDZ-Ärzte sind beeindruckt von der Patientin, sie ist geistig sehr rege und wirkt für ihr Alter körperlich stabil. Welche OP-Methode ist für die betagte Frau am ehesten geeignet? Die diversen Voruntersuchungen sollen Aufschluss bringen. Über deren Ergebnisse beraten die Chirurgen und Kardiologen gemeinsam in der interdisziplinären TAVI-Konferenz. Sie wählen den Eingriff aus, der für die alte Frau am sichersten und zugleich am wenigsten belastend ist – das transfemorale OP-Verfahren. Bei diesem Eingriff schiebt die Kardiologin einen Ballon-Katheter mit einem die neue Klappe tragenden Stent durch die Leistenarterie bis zur defekten Aortenklappe vor. Mit Hilfe des Katheters wird ein Ballon aufgeblasen und damit ein Stent entfaltet, der die verkalkte Klappe an die Aortenwand drückt, dort fixiert und gleichzeitig die neue biologische Klappe so passgenau einsetzt, dass keine Undichtigkeiten entstehen. Für den transfemoralen Eingriff dürfen die Gefäße nicht zu stark verkalkt sein und müssen mindestens sechs Millimeter weit sein, damit der Katheter ausreichend Durchlass hat. Bei Frau Rödel werden sogar sieben Millimeter gemessen.


In 70 Minuten eine neue Herzklappe

Bei diesem Verfahren kann auf eine Vollnarkose und den Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine verzichtet werden. Es wird daher vor allem bei betagten Patienten eingesetzt. Am 22. Oktober wird die Rentnerin morgens gegen 7.30 Uhr in den Hybrid-OP geschoben, einen Operationssaal mit Herzkatheter-Anlage. Die Patientin wird sediert, von dem Eingriff spürt sie nichts. Frau Dr. Jategaonkar ist sehr erfahren. Nur rund 70 Minuten dauert die OP, ein komplikationsloser Eingriff. Nach einer Weile nimmt die Patientin wieder Geräusche wahr. „Frau Rödel, Frau Rödel“, hört sie wie aus der Ferne, „Sie haben eine neue Herzklappe.“ Es ist die Stimme der Oberärztin.

Die betagte Frau wird zunächst auf die Intensivstation und am zweiten Tag nach der OP auf die Normalstation verlegt. „Als ich wieder auf den Beinen war“, sagt sie, „habe ich die Ärztin umarmt, mich bedankt und ihr von Elisa erzählt.“

Welche OP-Methode ist für die betagte Frau am ehesten geeignet? Die diversen Voruntersuchungen sollen Aufschluss bringen. Über deren Ergebnisse beraten die Chirurgen und Kardiologen gemeinsam in der interdisziplinären TAVI-Konferenz.

Ein Anruf hellt die Stimmung auf

Die Erinnerung an das kleine Mädchen und ihre Eltern lassen Lieselotte Rödel nicht los. Gelegentlich ruft Elisa an. „Oma“, erkundigt sie sich einige Tage nach der OP, „wie geht es dir, geht es dir wieder gut? Und machst du immer noch Musik?“ Das Telefonat hellt ihr für Wochen die Stimmung auf. Aus den Gedanken an Elisa schöpft sie viel Energie. Ebenso aus der Musik. Als Kind schon spielte sie Gitarre. Ihr Lieblingsinstrument, die Hamondorgel, ist der Mittelpunkt der Wohnung in der dritten Etage einer Senioren-Residenz in Bad Lippspringe.

Das Instrument nimmt viel Platz ein in dem kleinen Wohnzimmer mit den drei Erkerfenstern. Verstreut etliche Notenblätter, zwei Gitarren an der Wand, eine weitere wie in Positur gestellt auf einem Ständer. Jeden Tag wird geübt. Dann sind im ganzen Haus Orgel- oder Gitarrenklänge zu hören, auf ihrer Etage lauter, in den Wohnungen darunter etwas leiser. Die meisten Mitbewohner freuen sich darüber. Es ist eine willkommene Abwechslung.

In der Residenz wohnen 20 alte Leute, jeder in einer eigenen Wohnung. Gelegentlich wird Liselotte Rödel von ihnen um ein Konzert gebeten. Dann rollen der Hausmeister und einige Helfer die Orgel über den Flur zum Fahrstuhl und in den Saal eine Etage höher. Dort positionieren sie das sperrige Instrument in der Mitte vor den Stuhlreihen. Für ihr voriges Konzert hatte sie ein gemischtes Programm aufgestellt – für jeden Geschmack etwas. Für die Klassik-Freunde das ,Largo‘ von Händel, für jene, die es moderner lieben, das ,Yesterday‘ der Beatles.


„Du kannst bei uns wohnen“

Die mittlerweile 93-Jährige verspürt immer noch einen starken Antrieb in sich. Lieselotte Rödel erzählt gerne, von ihrem Leben, von der Musik, von ihren vielen Herausforderungen. Als ihre Tochter noch klein war, trug sie morgens in aller Frühe Zeitungen aus. Sie wollte rechtzeitig vor dem Aufwachen ihres Kindes wieder zu Hause sein. Ihr Mann arbeitete in den 1970er Jahren auf dem Bau. Von ihren Ersparnissen als Zeitungsbotin finanzierte sie eine Ausbildung zur Fußpflegerin und Kosmetikerin. Danach machte sie ein Geschäft auf, das schon bald florierte. Ende der 1990er-Jahre starb ihr Mann. Kurz vorher hatte sie ihren Laden verkauft. Zu ihrer Tochter, die mit ihrer Familie weiter weg wohnt, besteht nur ein loser Kontakt.

Das Alter ist geprägt von Erinnerungen. Schöne Erinnerungen, sagt sie. Sie spricht von Belastungen, die sie kraftvoll bewältigt hat, und von ihren beruflichen Erfolgen. Und natürlich erinnert sie sich ständig an die Bilder, die sie von ihrem Zusammenleben mit der Familie Kabiraj gespeichert hat.

Seit einiger Zeit bewegt sie die Vorstellung, für ein paar Wochen zu Elisa und ihre Eltern nach Bangladesch zu fliegen. Von den Ersparnissen während der Jahre in Deutschland haben sich die Kabirajs ein großzügiges Haus gekauft. „Wir haben viel Platz. Lilo, du kannst bei uns wohnen“, hört sie wiederholt am Telefon. Beflügelt hat diese Überlegungen Oberärztin Dr. Jategaonkar. „Frau Rödel“, sagte sie einige Tage nach der OP, „machen Sie das nur. Gesundheitlich steht dem nichts im Wege.“ Seither geht ihr die Idee nicht mehr aus dem Kopf.