Thomas Brauer erleidet auf der Autobahn am Steuer seines Lastwagens einen Herzinfarkt. Mit letzter Kraft erreicht er einen Parkplatz. Eine langwierige Therapie steht ihm nun bevor. Der 48-Jährige hat mehrere Engpässe an den Herzkranzgefäßen und einen über zehn Zentimeter langen Verschluss in der rechten Beinarterie. Das erfordert einen komplizierten Eingriff.

Die A 44 in Richtung Kassel. Noch vier Kilometer bis zur Raststätte Brühleck. Eine kurze Strecke nur, für Thomas Brauer aber eine lange, eine unendlich lange. Er sitzt gekrümmt am Steuer seines Lastwagens, das Gesicht ist schmerzverzerrt, das Atmen fällt ihm schwer, die Schmerzen in seiner Brust sind heftig, der Schweiß rinnt ihm aus allen Poren. Doch keine Gelegenheit zum Anhalten. Er malt sich aus, was passieren kann, wenn er es nicht schafft, wenn er über dem Steuer zusammenbricht. Viele Unfalldramen hat er gesehen, mit Schwerverletzten, mit Toten. Bilder tauchen in seiner Erinnerung auf. Dann hört er seine innere Stimme, mahnend, aufmunternd: du musst durchhalten, du darfst nicht aufgeben.

Der Lastwagen und der einachsige Anhänger sind mit Stahlfässern für chemische Substanzen beladen. Das Ziel: die BASF in Ludwigshafen. Auf der Rückfahrt soll Brauer Dämmstoffe nach Herford transportieren. Doch daraus wird nichts. Mit allerletzer Kraft erreicht er die Raststätte und hält an der Tankstelle. Der Tankwart erfasst sofort die Situation und ruft einen Notarz, Brauer sackt schlaff auf einen Stuhl. Sein Stress lässt langsam nach, die Schmerzen spürt er jetzt noch intensiver.

Infarkt am Steuer

Es ist der 7. April 2015. Gegen 18 Uhr bringt der Notarztwagen Brauer in eine Kasseler Klinik. Unterwegs injiziert der Arzt ein blutverdünnendes Medikament und ein Schmerzmittel und verkabelt seinen Patienten mit einem EKG-Gerät. Nach einer Weile, erinnert sich Brauer, sagt der Arzt, er gehe von einem Herzinfarkt aus. Dann fragt er ihn, ob das Schmerzmittel bereits wirke. Brauer kennt die Symptome. Etliche seiner Kollegen haben einen Herzinfarkt erlitten, ebenfalls während der Fahrt. Und das ging nicht immer glimpflich aus. Die Kardiologen in der Klinik bestätigen den Verdacht, sie diagnostizieren einen Vorderwandinfarkt.

Als Ursache entdecken die Ärzte einen Verschluss an der großen linken Herzkranzarterie mit der Bezeichnung Ramus interventricularis anterior (RIVA). Er wird per Katheter mittels Ballondilatation und der Implantation eines Stents beseitigt. Abends gegen 22 Uhr meldet sich bei seiner Frau in Löhne ein Kardiologe. "Ihr Mann", sagt er, "liegt bei uns in der Klinik." Sie müsse sich aber keine Sorgen machen, in wenigen Tagen sei er wieder auf den Beinen.

Brauer wird nach einer Woche entlassen und in eine Reha-Klinik überwiesen. Dort soll er langsam wieder zu Kräften kommen, Körpertraining steht auf dem Programm. Als der 48-jährige Fernfahrer auf einem Hometrainer in die Pedale tritt, gibt er nach ein paar Umdrehungen auf, zu heftig sind die Schmerzen in seinen Beinen, vor allem im rechten. Sie traten zum ersten Mal vor Monaten auf, seither meidet er längere Fußwege. Thomas Brauer fühlt sich weiterhin schlapp. Und das liegt weniger an den Schmerzattacken im Bein. Es sind vielmehr die verbliebenen Engpässe an den Herzkranzgefäßen, die ihm zu schaffen machen. Nach seiner Reha soll sich Brauer bei den Kardiologen in Kassel melden, dann wollen sie ihn weiterbehandeln.

Nur drei Minuten und elf Sekunden

Brauer reist nicht nach Kassel, er sucht die Kardiologie im Herz- und Diabeteszentrum (HDZ) auf. Die Ärzte finden die Diagnose der Kasseler Kollegen bestätigt: Brauer hat noch zwei Engstellen an den Herzkranzgefäßen, eine an der rechten der drei Hauptkranzarterien und eine weitere an einem drei Millimeter starken Abzweig der linken Herzkranzarterie. Die durch Kalkablagerungen verursachten Engpässe werden per Ballonkatheter und der Implantation von zwei Stents beseitigt.

Mitte August sucht Patient Brauer erneut die Kardiologie im HDZ NRW auf. Seine generelle Befindlichkeit hat sich nach den Eingriffen an den Herzkranzgefäßen erheblich gebessert. Doch die Schmerzen vor allem in seinem rechten Bein machen ihm nach wie vor zu schaffen. Sie haben sogar zugenommen. Die Strecke, die er noch zu Fuß zurücklegen kann, hat sich weiter verringert. Die Kardiologen wollen wissen, wie sehr der Patient in seinen körperlichen Aktivitäten eingeschränkt ist. Sie veranlassen einen Gehtest, der muss nach drei Minuten und elf Sekunden abgebrochen werden. Dann sind die Schmerzen nicht mehr auszuhalten.

Die Ultraschall-Diagnose ergibt eine zwölf Zentimeter langen Verschluss an der iliaca externa. Es handelt sich dabei um die rechte der beiden äußeren Beckenarterien, sie sind eine Fortsetzung der Aorta, die sich im Beckenbereich in zwei Äste links und rechts aufteilt. Die Ursache für den Verschluss sind Kalkablagerungen, die in einem aufwendigen Eingriff beseitigt werden müssen. Oberarzt PD Dr. Frank van Buuren und sein Team stehen vor einer großen Herausforderung. Die Beinarterien führen viel Blut, das erfordert einen komplizierten Eingriff und verlangt viel Umsicht.

Ein heikler Eingriff

Die Gefäßwand der Arterie besteht aus drei Schichten. Zwischen der inneren und der mittleren Gefäßwand wird der Kardiologe einen scharfen Hightech-Draht durchschieben, der auf der Spitze eines Katheters sitzt. Der Eingriff erfolgt über die linke Leiste. Das Team verfolgt auf dem Röntgen-Monitor, wie sich der Katheter langsam über das Becken in das rechte Bein vorschiebt.

Nun beginnt der heikle Teil. Der Draht schiebt sich nun langsam durch die Gefäßwand der Arterie bis zur inneren und mittleren Gewebeschicht. Zwischen diesen beiden Schichten dringt der Draht parallel zu dem Verschluss bis an dessen Ende vor. Bange Fragen begleiten den Vorgang. Hält die Gefäßwand das aus, wie gut lässt sich der Draht führen? Trifft er die richtige Schicht? Wie verhalten sich die steinharten Ablagerungen?

Das Katheter-Team steht nun vor einer weiteren Hürde. Der ferngesteuerte Draht muss die Verbindung von der Zwischenschicht zur Arterie herstellen und dafür die innere Gewebeschicht durchstoßen. Ein riskantes Vorhaben. Wenn der Draht urplötzlich die Richtung wechselt, könnte es Probleme wie eine Verletzung der Nerven oder eine schwere Blutung geben. Aber alles verläuft wie geplant.

Vorsichtig drückt nun ein aufgeblasener Ballon von drei Millimetern Durchmesser gegen den Pfropf, der sich langsam bewegt. Ein größerer Ballon mit einem Durchmesser von sechs Millimetern befördert schließlich die Kalkschicht an die gegenüberliegende Gefäßwand. Dort wird sie mit Hilfe von Stents fixiert. Zunächst platzieren PD Dr. van Buuren und sein Team dort einen selbstexpandierenden Stent mit einem Durchmesser von sieben Millimetern und einer Länge von acht Zentimetern. Ergänzend wird ein weiterer Stent von sechs Zentimetern gesetzt. Beide Stents werden überlappend miteinander verbunden. Nun kann das Blut wieder ungehindert durch die rechte Beinarterie fließen. Die Überbrückung mit Stents macht es möglich.

Die vielen Eingriffe haben Brauer nachdenklich gemacht. Er ist sich bewusst, dass er an seinem Lebensstil einiges ändern muss.

Eine Reihe von Risiken

Die vielen Eingriffe haben Brauer nachdenklich gemacht. Er ist sich bewusst, dass er an seinem Lebensstil einiges ändern muss. Das hat ihm Dr. van Buuren bei seiner Entlassung nahegelegt. Seine Herz- und Kreislaufprobleme, erfährt er, sind die Folgen einer Reihe von Risiken, mit denen er jahrelang gelebt hat. Bis zu seinem Herzinfarkt war der Patient aus Löhne ein starker Raucher, hat seit langem zu hohe Cholesterinwerte, ist zudem übergewichtig und auch als Folge seines Berufes körperlich zu wenig aktiv. Seine Risikofaktoren will Brauer nun minimieren und in der Freizeit sportlich aktiver werden. Das Rauchen hat er bereits eingestellt.

Anfang Oktober setzt sich Thomas Brauer wieder ans Steuer eines Lastwagens, vorerst nur für Kurzfahrten. Sein Arbeitgeber will ihn langsam eingewöhnen. Vor Jahren noch ist er gern die langen Strecken gefahren. In den Raststätten traf er regelmäßig Kollegen, denen er sich seit Jahren verbunden fühlte. Mittlerweile aber, sagt er, säßen zunehmend Fahrer aus Polen, Rumänien oder Bulgarien am Steuer von Sattelschleppern. Diese Entwicklung habe zu einem erbitterten Konkurrenzkampf unter den Fernfahrern geführt. Thomas Brauer hat keine Wahl, er wird sich dem bald wieder stellen müssen.