Die 28-jährige Sophie Stork leidet an Diabetes mellitus Typ 1. Ihre Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin mehr. Das Hormon, das den Gehalt des Blutzuckers reguliert, muss sie sich mehrfach täglich spritzen. Vor ihrer Schwangerschaft sucht sie das Diabeteszentrum auf. Mit Hilfe der Stoffwechselexperten wird ihr Blutzucker so exakt eingestellt, dass Mutter und Kind die Schwangerschaft ohne gesundheitliche Schäden überstehen.

Sophie Stork fühlt sich wie nach einem Gewaltmarsch durch die Wüste. Ihr Körper reagiert wie ausgedörrt, ein quälender Durst plagt sie. Eine große Flasche Apfelsaft hat sie bereits geleert. Der Durst aber bleibt. Das Missbehagen steuert die Gedanken der 28-Jährigen, ihre Phantasie kreist nur um Wasser, um Unmengen von Wasser. Abstruse Gelüste überkommen sie. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, denkt sie, würde ich auf der Stelle ein Schwimmbecken austrinken. Mindestens aber einen Eimer.

Was nur geschieht mit ihr? Sie ahnt, es ist mehr als eine Befindlichkeitsstörung. Eine Wüste hat sie nie betreten. Und es ist nicht einmal sonderlich heiß an diesem Tag. Sophie Stork sitzt in einem Zug von Hamburg ins westfälische Bünde. Wenn sie daheim ist, im benachbarten Kirchlengern, wird sie sofort an den Wasserhahn stürzen und das kühle Nass in sich hineinpumpen, soviel nur eben geht. Sofie Stork hat nun eine konkrete Vorstellung davon, wie quälend Durst sein kann.


Erschrecken beim Kämmen

In der folgenden Zeit achtet sie darauf, stets genügend Wasser oder Säfte in ihrer Nähe zu haben. Ihr Durst lässt sich damit halbwegs bändigen. Den verstärkten Harndrang führt sie auf die großen Mengen Flüssigkeit zurück, die sie in sich hineinschüttet. Mit ihrem Körper stimmt etwas nicht. Es könnte Diabetes sein, denkt sie schon mal. Sie hat wiederholt gelesen, wie sich diese Krankheit äußert. Ihre Symptome passen dazu. Einen Arzt bemüht sie trotzdem nicht. Solange es nicht schlimmer wird, kann sie damit leben.

Eines Tages verschlechtert sich ihr Zustand. Ihr Körper sendet bedenkliche Alarmzeichen aus. Beim Kämmen findet Sophie Stork Büschel von Haaren in der Bürste. Allerhöchste Zeit für die Ursachenforschung. Der Hausarzt veranlasst eine Blutanalyse, sie fällt erschreckend aus. Ihr Blutzucker erreicht einen bedenkliche hohen Wert von 480 mg/dl. Die normalen Werte liegen bei 80 bis 140 Milligramm pro Deziliter. Sie hat Diabetes, vermutlich fehlt ihr Insulin.

Ein Diabetologe bestätigt das. Er diagnostiziert Diabetes mellitus Typ 1. Eine Stoffwechselerkrankung, deren Ursache ein absoluter Mangel des Hormons Insulin ist. Die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse sind durch körpereigene Abwehrstoffe zerstört - eine Autoimmunerkrankung. Sophie Stork muss sich lebenslang das Hormon spritzen.

Die meisten Körperzellen benötigen Insulin, um Zucker aus der Blutbahn aufzunehmen. Der Zucker wird in den Zellen in Energie umgewandelt. Wenn er von den Zellen nicht aufgenommen werden kann, erhöht sich der Zuckergehalt im Blut. Unbehandelt kann Diabetes mellitus Typ 1 zu Komplikationen an den Blutgefäßen, am Herzen und den Nervenbahnen führen. Auch schwere Organschäden und sogar Todesfälle können die Folge sein.


Disziplin und Management

Typ-1-Diabetiker sind im Gegensatz zu Patienten mit Typ-2-Diabetes meistens normalgewichtig. Sophie Stork, Lehrerin an einer Grundschule, ist eine schlanke und sportliche Frau mit einer Körpergröße von 1.85 Metern. Was ist nur die Ursache für ihre Krankheit? Die Frage lässt sie grübeln. In ihrer Familie ist kein Fall von Diabetes bekannt. Dann erfährt sie, dass eine familiäre Veranlagung beim Diabetes mellitus Typ 1 eine geringere Rolle spielt als beim Typ-2-Diabetes. Die genauen Ursachen dieser Krankheit sind aber noch nicht vollständig geklärt.

Sophie Stork braucht eine Weile, bis sie die Tragweite ihrer Krankheit für sich verarbeitet hat. Mehrfach wird sie sich täglich eine Spritze setzen. So einfach, wie sich das anhört, ist es nicht. Vor dem Essen muss sie zunächst ihren Blutzucker messen. Dann berechnet sie, wie hoch die Kohlenhydratmenge ist, die sie zu sich nimmt. Brot- oder Kohlenhydrateinheiten (BE oder KE) sind die Schätzgrößen, mit denen sich die Menge der Kohlenhydrate berechnen lässt. In Abhängigkeit zu der Kohlenhydratmenge und der Blutzuckerhöhe wird die Insulindosis bestimmt.

Ein immerwährender Zwang. Eine Alternative dazu gibt es nicht. Der Umgang mit ihrer Krankheit, sagt die heute 33-Jährige, "erfordert viel Disziplin und Management". Das war am Anfang nicht leicht. Seit der durstreichen Bahnfahrt im Jahre 2009 hat sie einen langen Lernprozess hinter sich gebracht. "Diabetes Typ 1", sagt sie auch, "lässt sich letztlich nicht genau beherrschen." Oft stand sie vor ihrer Klasse, wenn ihr Zuckerspiegel absackte. Ihr wurde schwindelig, das Herz raste und der Schweiß trat ihr aus allen Poren. Eine Messung ergab dann eine Unterzuckerung mit einem Wert von 50 mg/dl und darunter.


Eine Autoimmunerkrankung

Bohrende Fragen zwischendurch. Macht sie vielleicht etwas falsch? Die stark schwankenden Blutzuckerwerte machen ihr zu schaffen. Im Juli 2011 sucht sie zum ersten Mal das Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen auf. Die Ärzte bemühen sich um eine bessere Einstellung, nicht nur vor und nach dem Essen, sondern während des gesamten Tages- und Nachtverlaufs. Sportliche Aktivitäten müssen in der Planung berücksichtigt werden. Sophie Stork spielt häufig Tennis und geht regelmäßig schwimmen. Von den Ärzten erfährt sie auch die Ursachen für ihre Schilddrüsen-Erkrankung. An dem Organ hatte sie sich 2008 Wucherungen entfernen lassen müssen. Eine Folge ihrer Autoimmunerkrankung, vermutet Dr. Dr. Wulf Quester, ehemaliger stellvertretender Klinikchef.

Sophie Stork und ihr Mann wünschen sich ein Kind. Hat ihre Krankheit Auswirkungen auf die Schwangerschaft? Was sie dazu vom Diabetologen hört, beruhigt sie. Bei optimaler Einstellung des Stoffwechsels, erklärt er ihr, werde sich das Kind normal entwickeln. Sophie Stork hat die Gesundheit ihres Kindes mithin weitgehend selbst in der Hand. Wenn sie diszipliniert den medizinischen Anweisungen folgt, hat sie nichts zu befürchten.

Das erfordert eine strenge Selbstkontrolle. Denn bei schlecht eingestellten Frauen mit Typ-1-Diabetes kann der Fötus während der Schwangerschaft schwer geschädigt werden. Es besteht dann die Gefahr von Missbildungen, auch Fehlgeburten sind möglich. Ein überhöhter Blutzucker führt vor allem im letzten Drittel der Schwangerschaft häufig zu einer abnormen Gewichtszunahme des Kindes (Makrosomie).


Eine perfekte Handhabung

Um den Stoffwechsel der Patientin zu stabilisieren, schlägt der Arzt Sophie Stork die Therapie mit einer Insulinpumpe vor. Mit ihr ist die Dosierung einfacher und auch genauer einzustellen als mit dem bislang von ihr benutzten Insulin-Pen. Mit dieser Empfehlung will der Diabetologe ihre Insulin-Dosen im Hinblick auf ihre geplante Schwangerschaft besonders exakt eingestellt wissen.

Am 28. November 2012 wird Sophie Stork im Diabetes-Zentrum während eines einwöchigen stationären Aufenthalts an die Pumpe gewöhnt. Die so genannte Patch-Pumpe wird auf die Haut aufgeklebt und gibt kontinuierlich Insulin in das Unterhautgewebe ab. Zu der Pumpe gehört ein zweites, handyartiges elektronisches Gerät, über dessen Tasten sie vor den Mahlzeiten die von ihr errechnete Insulin-Dosis eingibt.

Während ihrer Schwangerschaft im Jahre 2013 kreisen ihre Gedanken immer wieder um ihr Kind. Wird es gesund sein? Ständig überprüft sie sich. Stimmen alle Werte, hat sie die Kohlenhydratmengen richtig berechnet? Alle zwei Wochen fährt sie zur Kontrolle in die Ambulanz des Diabeteszentrums. Bei ihren Blutzuckerwerten gibt es jedoch keine Ausreißer, weder nach oben noch nach unten. Im November 2013 wird ihr Kind geboren. Ein Sohn, Mattis. Er ist gesund, keine Anzeichen von Diabetes.

An das ständige Messen und Berechnen habe sie sich längst gewöhnt, sagt Sophie Stork. Das sei ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Ebenso die ihr von der Krankheit aufgezwungene Selbstdisziplin. Die empfindet sie mittlerweile sogar als Bereicherung. Damit hat sie letztlich Kontrolle über ihre Krankheit gewonnen. Und das verbucht sie als persönlichen Erfolg. Zum Vorteil auch für ihren Sohn. Mit der perfekten Handhabung ihrer Therapie, sagt Dr. Dr. Quester, habe sie ihrem Kind die besten Chancen eingeräumt, gesund zur Welt zu kommen.