Ein Strom neuen Lebens

Oberarzt Uwe Schulz im Gespräch mit Christoph Biermann.

Christoph Biermann ist ein erfolgreicher Spitzensportler, er nimmt an vielen Radrennen teil. Nach Jahren aber streikt sein Herz. Er erleidet 2008 einen Schlaganfall und im Jahr 2011 während einer Sportveranstaltung einen Herzstillstand. Eine Brustdruckmassage rettete ihm das Leben. Im HDZ wird ihm Ende September 2013 ein Spenderherz eingepflanzt.

Von der Suppe zwei Löffel, vom Fleisch nur einen Bissen, vom Kartoffelpüree eine Gabel und eine Winzigkeit vom Nachtisch – Christoph Biermann isst wie ein Vögelchen. Der einstige Radrennfahrer zwingt sich zur Askese, er hat kein Gramm zuviel auf den Rippen. Und so soll es bleiben.

Biermann ist ein sportlicher Mann. Rund 17 000 Kilometer im Jahr hat er in seiner aktivsten Zeit als Radrennfahrer zurückgelegt. Nunmehr ist er zur Bewegungslosigkeit gezwungen. Seit acht Monaten liegt der einstige Spitzensportler im Herz- und Diabeteszentrum (HDZ) Bad Oeynhausen auf der HTx-Station (HTx = heart exchange). Für die HDZ-Ärzte steht das x auch für das unbestimmte Datum, an dem ein Spenderherz eintrifft.

„Der Sport hat mich süchtig gemacht“, sagt Biermann, „er hat über viele Jahre mein Leben geprägt. Das ist aber nun vorbei.“ Er sagt es ohne Bedauern. Sein Mittelpunkt ist heute seine Familie mit Ehefrau Petra und dem knapp zweijährigen Sohn Constantin. Sein größter Wunsch: „Ich hoffe, dass bald ein Spenderherz für mich eintrifft.“ Das kann nicht mehr lange dauern. Im Schnitt wartet ein HTx-Patient bis zu sechs Monate auf sein neues Herz. Je nach Gewicht, Körpergröße und Blutgruppe auch schon mal länger, bei Biermann sind es inzwischen acht Monate.

Eine tickende Zeitbombe

1989 starb Biermanns Zwillingsbruder Thomas im Alter von 25 Jahren auf einer Judomatte während eines Wettkampfs. Es war ein plötzlicher Herztod, die Folge einer genetischen Veranlagung. Die trägt auch Christoph Biermann in sich. „Mein Herz“, sagt der 49-Jährige, „ist eine tickende Zeitbombe. Mit diesem Bewusstsein lebe ich seit dem Tod meines Bruders.“ Von seinen sportlichen Aktivitäten hat ihn diese unkalkulierbare Bedrohung aber nie abgehalten. Biermann nahm als Amateurfahrer an zahlreichen Rennen teil, mehrfach auch an dem Frankfurter Klassiker Rund um den Henninger-Turm. Erste Anzeichen einer Herzschwäche veranlassen ihn, seine Rennaktivitäten zu reduzieren und eine Ausbildung zum Physiotherapeuten zu beginnen. Danach macht sich der ehemalige Angestellte eines Sportgeschäfts in seinem neuen Beruf selbständig.

Im Jahre 2008 dann der erste bedrohliche Tiefschlag. Biermann erleidet einen Schlaganfall, zeitweilig ist seine linke Körperhälfte gelähmt. Nach einiger Zeit, als er sich fit genug fühlt und keine Nachwirkungen mehr verspürt, nimmt er seinen Radsport wieder auf, wenn auch nicht mehr so intensiv. Beachtliche 5000 Kilometer im Jahr kommen dennoch zusammen. Im Februar 2011 dann ein lebensbedrohlicher Einschnitt, er klappt während eines Fußballspiels zusammen: Herzstillstand. Ein glücklicher Zufall rettet ihn. Ein Mitspieler mit einer Ausbildung als Rettungssanitäter bringt mit einer Brustdruckmassage sein Herz wieder zum Schlagen. Die Kardiologen in der Klinik an seinem Wohnort Aschaffenburg verabreichen ihm Medikamente, die seine geschwächten Herzmuskeln kräftigen.

Eine schockierende Nachricht
Die Symptome einer Herzinsuffizienz aber bleiben, sie begleiten ihn durch die folgenden Monate: Atemnot, Wasseransammlung im Körper, Hinfälligkeit. „Nach 100 Metern“, sagt er, „musste ich bereits verschnaufen. Dann war ich platt.“ Siebenmal sucht Biermann im Jahr 2012 das Krankenhaus auf. Kurz vor Weihnachten erklären ihm die Ärzte, sie könnten ihm nicht mehr helfen, er müsse nun in einer Spezialklinik behandelt werden. Sie empfehlen ihm das HDZ NRW. Im Januar 2013 reist Biermann nach Bad Oeynhausen. Er denkt nur an einen kurzen Aufenthalt. „In einer Woche“, verabschiedet er sich von seiner Frau, „bin ich wieder zu Hause.“
              
Es kommt anders. Nach einer gründlichen Katheter-Untersuchung stellen die HDZ-Kardiologen fest, dass sich sein Herz in einem schlimmen Zustand befindet. Biermann muss in der Klinik bleiben. Bald schon erfährt er, dass ihn nur ein Spenderherz retten kann. „Diese Nachricht“, sagt er, „hat mich geradezu in einen Schockzustand versetzt.“ Schlimme Wochen folgen. Der bewegungsaktive Biermann ist auf der HTx-Station ans Bett gefesselt: „Ich war schlechter dran als ein Häufchen Elend. Meine Frau dachte jeden Tag, jetzt stirbt er. Das verriet sie mir erst sehr viel später.“

An Schläuchen hängend erlaubt ihm sein Bewegungsradius nur, sich aus dem Bett zu wälzen und auf einen daneben stehenden Stuhl zu setzen. Trotzdem nutzt er die Enge für einige gymnastische Übungen. Die Fixierung auf engsten Raum nimmt ihm zunehmend den Lebensmut, der einstige Hochleistungssportler fällt in eine tiefe Depression. „Es gab in der ersten Zeit auf der HTx-Station Phasen“, sagt Biermann, „da habe ich manchmal gedacht, du springst hier im vierten Stock aus dem Fenster.“ Todesängste sind sein ständiger Begleiter, seine Gedanken werden von einem Aufschrei beherrscht: „Was ist das noch für ein Leben!“

Neue Wertigkeiten
In dieser Phase beginnen die ersten Gespräche mit Dr. Katharina Tigges-Limmer, Leiterin der psychologischen Abteilung der Herzchirurgie im HDZ (mehr…). „Diese Gespräche“, sagt er Mitte September 2013, „sind mir heute sehr wichtig, sie haben mir sehr geholfen. Ich freue mich sogar darauf.“ Die im Umgang mit ähnlichen Schicksalen erfahrene Psychologin stärkt seinen Lebenswillen und versteht es, seine weitgehend vom Sport beherrschte Gedankenwelt hin zu anderen Wertigkeiten des Lebens aufzufächern. Im Jahr 2010 hat Biermann seine Frau Petra kennen gelernt. „Bis dahin war ich mit dem Radsport verheiratet“, sagt er.

In den Gesprächen mit Dr. Tigges-Limmer löst er sich nach und nach von dem in Jahrzehnten gewachsenen Gefühl, einsam und auf sich allein gestellt um Erfolg und Anerkennung zu kämpfen. „Einsamkeit“, sagt er, „habe ich in meinem Leben genug erlebt. Ich habe in den Gesprächen gelernt, mich und mein Umfeld genauer wahrzunehmen.“ Erkenntnisse hierzu sammelt er in diesen Monaten reichlich in seinem Freundes- und Bekanntenkreis. Manche Überraschung erlebt er hier. Enge Freunde, die er jahrelang dafür hielt, wenden sich von ihm ab. Sie wollen nicht mit seinem Leiden konfrontiert werden. Andere, denen er bislang keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hatte, kümmern sich tief besorgt um ihn, machen ihm Mut.

„In solchen Extremsituationen“, sagt Biermann, „lernt man viel über sich und sein Umfeld. Ich habe das Gefühl, dass ich hier als neuer Mensch rauskomme.“ Niemals zuvor hatte er soviel Zeit für Betrachtungen und Reflexionen. Die vergangenen Wochen haben ihn nach eigenen Aussagen stärker geprägt als viele seiner Jahre zuvor. Die Nachdenkphase hat ihn abgerundeter und gereifter werden lassen. Hierbei habe ihm, sagt er, Frau Dr. Tigges-Limmer sehr geholfen.

Neue Kräfte pulsieren

Ende August Besuch vom anderen Ende der Welt. Biermanns Kusine Yvonne, die mit ihrer Familie im australischen Sydney wohnt, trifft in Bad Oeynhausen ein. Als sie vor Wochen erfuhr, dass sich Ehefrau Petra Biermann mit Sohn Constantin in dieser Zeit dort aufhält, entschloss sie sich spontan zu der weiten Reise. Drei Wochen will sie bleiben und tagsüber den Jungen betreuen, damit Petra ungestört sich ihrem Ehemann widmen kann. Dass Yvonne die weite Reise auf sich genommen hat, ist für Biermann mehr als eine freundliche Geste, mehr auch als ein Zuspruch. Sie wirkt auf ihn wie ein Kraftschub bei der inneren Bewältigung seines schweren Schicksalsschlages.

Am Sonntag, 29. September, endlich die Nachricht, auf die er solange gewartet hat. „Es ist ein Spenderherz für Sie unterwegs“, verkündet ihm Stefan Wlost, Transplantations-Koordinator auf der HTx-Station. „Es ist ein gutes Herz“, versichert er. Die überlieferten Daten seien daraufhin eingehend geprüft worden. Biermann vertraut der Aussage. Zweimal schon hatte Eurotransplant im holländischen Leiden in den zurückliegenden Monaten ein Spenderherz für Biermann angeboten. Das Team um Oberarzt Uwe Schulz, Leiter der HTx-Station, hatte die Offerte jedoch abgelehnt. Die überlieferten Daten hatten Zweifel an der Eignung für den Patienten aufkommen lassen. „Diese Entscheidungen“, sagt Biermann, „haben mich keineswegs betrübt. Im Gegenteil, sie haben mir gezeigt, dass die Ärzte hier bestrebt sind, ihren Patienten das Optimum an medizinischer Hilfe zu gewährleisten. Das hat mich sehr beruhigt“

Kurz vor Mitternacht wird Biermann an dem Sonntagabend in den OP geschoben. Das Transplantationsteam hat sich vorher noch einmal davon überzeugt, dass es sich um ein geeignetes Spenderherz handelt. Erst am folgenden Abend sind Biermanns Sinne wieder in der Lage, die Veränderungen in seinem Körper deutlich wahrzunehmen: „Ich habe sofort die neuen Kräfte in mir gespürt. Es war, als wäre neues Leben in mich hineingeströmt.“ Gut drei Wochen nach der Transplantation wird er aus der Klinik entlassen, ein Freund holt ihn ab. Seine Freude ist überschwänglich. „Endlich habe ich wieder eine Zukunft“, sagt Biermann, „dafür bin ich meinen Helfern im HDZ unendlich dankbar.“


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